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Sein und Schein

Ein Abend auf der Kemptener Hütte – oberhalb von Oberstdorf und unterhalb des Heilbronner Höhenwegs

Die frühen Abendstunden auf der Terrasse der Kemptener Hütte sind ein Schauspiel für sich. Wenn die Farben und Geräusche des Tages herabfallen. Wenn es langsam zu dämmern beginnt. Wenn der Spätsommer-Wind die letzten Wolkenfetzen durchs Tal herauf und über die Alm nach Österreich treibt. Wenn es nach Maggi-Kraut riecht. Wenn irgendwo ein Bach plätschert. Wenn mit der einbrechenden Dunkelheit die Kälte in den Körper kriecht.
Von unten, von Oberstdorf war an diesem Abend nichts mehr zu erwarten – eine ferne Welt, 1000 Höhenmeter weiter unten. Von oben, von einer Felszinne, mit bloßem Auge erkennbar, drangen die Stimmen. Die grauen Schneereste vom letzten Winter kauerten in den schattigen Ecken und hoben sich wie Deckweißkleckse vom dunkelgrünen Wiesengelände ab. Im Restlicht näherten sich rote und blaue Punkte der Hütte und wurden irgendwann zu Goretex-Jacken.
Die Holländer waren die ersten, die die Terrasse erreichten. Lauthals schrieen sie ihre Freude in die Berge. Die Freude darüber, daß sie heute offenbar nicht nur den Heilbronner Weg, sondern auch die letzte Tour eines fünftägigen Wanderurlaubs in den Allgäuer Alpen geschafft haben. „Neun Bier“ bestellte ein blonder Mitdreißiger im Holländer-Deutsch, setzte sich an einen großen Tisch in der Ecke der Terrasse und wartete, bis die acht anderen eintrudelten. Die zweiten waren die Heilbronner. Kein Witz. Vier Heilbronner auf dem Heilbronner Weg. Die vier waren vernünftiger als die Holländer und gingen gleich in den Gastraum. Die dritten waren die Tölzer, drei junge Naturburschen mit Eispickeln, Seilen und Klettergurten. Sie warfen dem Hüttenwirt ein „Servus“ zu, sonst nichts, und verschwanden ohne weitere Fragen im Schuhkeller. Mann kannte sich.
Der Wetterbericht hatte die letzten Tage mal gut, mal schlecht, mal sonnig, mal wolkig angesagt. Unten in Oberstdorf hieß es noch, es werde morgen schön und warm. Hier oben, beim Hüttenwirt, wehte schon wieder ein ganz anderer Wind. „Morgen soll es besser werden“, sagte einer der Heilbronner zum Hüttenwirt.
Der Hüttenwirt, Schnauzer, Ohrring und ein Gesicht wie die Bergzinnen hinterm Haus, sprach langsam, bedächtig und bestimmt: -„Wieso, es ist doch nicht schlecht – so ist das Wetter in die Berg nun mal.“ -„Aber normalerweise müßte doch das schönste Wetter sein.“ -„Das ist wahrscheinlich eine Scheinzuziehung.“ -„Ach so.“
Die drei anderen Heilbonner standen etwas Abseits und hörten dem Gespräch ihres Freundes zu. Einer flüsterte: „Scheinzuziehung – das Wort steht aber auch nicht im Duden.“
„Ja, das ist ganz normal. Und wenn es schlecht wird, dann werdet ihr es schon merken.“
„Ja, schon. Aber nach unserer Vorhersage soll es morgen richtig schön werden.“ Da warf der Hüttenwirt die Arme in die Höhe: „Ja Was habt ihr denn ihr für eine Vorhersage?“ Dann klatschte er sie von oben auf seine Lederhose und rief:: „Die von Spanien?“
Draußen zog es zu. Zur Dämmerung gesellten sich dunkle Wolken. Das war sogar den Holländern zu ungemütlich. Sie hatten die Speisekarte der Hütte als Attraktion entdeckt. Allein das Murmeltier, das vom Deckblatt entgegen grinste, versetzte sie in die beste Laune. Die Holländer humpelten hinein in die Hütte. Sie bewegten sich so, als wären sie gestern und vorgestern und vorvorgestern sehr lange Strecken auf sehr hohe Berge gelaufen. Einige stöhtnen, andere lachten. Einer hielt die Speisekarte in der Hand und las sie vor. „R-i-i-i-nderbra-aten H-ü-üttenart“. „Bau-u-ernschmaussss – Le-e-eberkäs:“ Und ganz schwer: „Pu-u-utenra-a-ahmgeschne-e-etzeltes.“ Ein Spaß! Und alles klingt ein bißchen nach Rudi Carel.
Links hinten saßen die Heilbronner, auf kleinen Kissen, gelbliche Fetzen, vergilbt mit einem blauen Gitternetz drauf. Von den Tölzern fehlte jeder Spur. Die Heilbronner waren schon einen Schritt weiter als die Holländer und gaben bei einer resoluten Allgäuer Bedienung ihre Bestellung auf: „Schlachtpatte“, das Angebot der Woche.
Nachdem sie die Bestellung aufgegeben hatten, begannen die vier Heilbronner Karten zu spielen. Das heißt eigentlich unterhielten Sie sich und spielten nebenbei Karten. Irgendein Spiel, das jeder unter einem anderen Namen kennt. Ihre Unterhaltung ging dabei aber über das Allgäu, die Berge, die Gipfel, den Heilbronner Weg. Durch das Kartenspiel aber, war die Unterhaltung mit seltsamen Fremdkörpern durchsetzt. Spontane Sprachfloskeln, beim Ausspielen einer Karte etwa: „So, meine Herrn!“ Oder: „Was liegt, des liegt.“ Und ganz groß: „Ohne Hirn bist wie ein Depp!“ Doch es ging um das Oberallgäu und ihre Erlebnisse der letzten Tage. Sie waren gestern auf den Großen Krottenkopf gestiegen, Schwabens höchstem Punkt, 2656 Meter über dem Meeresspiegel und hatten den Blick über halb Süddeutschland und Österreich schweifen lassen. Sie waren den Heilbronner Weg gegangen und verfingen sich schließen ewig währenden Diskussion, ob der Weg nun „Weg“ oder ob der Weg nun „Steig“ sei. Sie riefen sich den Sonnenaufgang heute Morgen in Erinnerung und das Gespräch schlängelte sich wie der Weg dahin. Die versicherten Kletterstellen hinüber zur Bockkarscharte, „eigentlich das Kernstück des Weges“, die Brotzeit, „ja die Brotzeit“ im Windschutz der Felsen, der lohnenswerte Abstecher zur Mädelegabel. Dann die lange Schneefeldquerung und die drei Steinböcke, die am Nachmittag den Weg querten.
Als drinnen die ersten Schlachtplatten serviert wurden, schimmerte ein diffus-rötliches Licht durch das kleine Fenster in der Türe. Obwohl es draußen schon dunkel war. Es sah aus, als würde jemand mit einer Taschenlampe in die Hütte leuchten. Mit einer roten Taschenlampe. Was ist das? Wer ist das? Keiner sonst bemerkte es. Es war fast wie in dieser amerikanischen Fernseh-Show, als sie auf einer einsamen Hütte in den Bergen waren und plötzlich tauchte am Fenster die Silhouette eines Kettensägenmannes auf. Immer wieder diese Umrisse, kein Geräusch. Und nur einer sah sie.
Unbeachtet aufstehen, über die Eckbank klettern, mit dem Rücken an den anderen vorbei, sich langsam der Türe nähern, dem rötlichen Licht entgegen, dann: die Klinke fassen – sie läßt sich nur schwer drücken – und Türe auf.
Es war der Hüttenwirt, der mit den Tölzern auf der Terrasse stand. Sie hatten keine Kettensäge bei sich. Sie standen nur da und starrten in den Nebel. Irgendwie schimmerten die grauen Schwaden. Als wären die Wolken von innen beschienen, doch man konnte einfach nicht sagen, woher genau das Licht kam. Der Hüttenwirt blickte in den Nebel, in die Ruhe. Wie ein Jäger, der mit dem Gewehr im Anschlag darauf wartet, daß sich ein Reh auf die Lichtung wagt. Keiner sagte etwas. Auch die Tölzer nicht. Die Wolkenfetzen drifteten hoch zum Heilbronner Weg. Und dann – ganz unvermittelt – öffnete sich der Vorhang. Die Wolken rissen ab. Nur ganz kurz. Ein paar Sekunden, bis neue Fetzen, die Lücke wieder schlossen. Und für einen kurzen Moment sah man, woher das Licht kam. Die Krottenspitzen leuchten rot, rosa, orange, dann wieder rot.
Der Wind säuselte. Ein Tölzer sagte: „Sauber.“ Der Hüttenwirt sagte nichts. Er blickte halb skeptisch, halb schelmisch in die Wolken. Dann zog er seinen Kragen hoch und vergrub die Hände in den Jackentaschen. Er schniefte laut, wandte er sich zu Tür und drehte sich kurz bevor er in der Hütte verschwand, ein letztes Mal um überzeugt ein Wort zu sagen: „Scheinzuziehung.“

Der Heilbronner Weg ist eine hochalpine Verbindung zwischen Kemptener Hütte
auf 1845 m (Tel. 08322-700 152, www.kemptner-huette.de) und Rappensseehütte
auf 2013 m (Hütten-Hotline 08322-700 155, www.rappenseehuette.de).Die
Gehzeit beträgt etwa sieben Stunden. Beide Hütten haben noch bis Mitte
Oktober geöffnet. Etwa in der Mitte des Weges kann man auch zum Waltenberger
Haus(Tel. 08322-700 156) absteigen. Damit ergeben sich viele verschiedene
Tourmöglichkeiten. Sogar die Mädelegabel und das Hohe Licht, mit 2644 und
2651 Meter, sind vom Heilbronner Weg nicht mehr als ein Abstecher. Weitere
Informationen unter www.oberstdorf-sport.de und beim Tourismusverband
Oberstdorf (Tel. 08322-7000, www.oberstdorf.de).

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